16. USA. Fluch oder Segen?

Aktualisiert: 15. Sept.

Lange war es hier auf meinem Blog ruhig. Sehr ruhig. Doch bevor ich den Blog gestartet habe, entschied ich mich dafür es zu tun, um Spaß daran zu haben. Es sollte am Ende nicht zur Pflichtaufgabe werden. Und wenn wir mal ehrlich sind, keiner wartet auf die wöchentlichen Beiträge :) Okay, vielleicht hat der ein oder andere mal bei mir nachgefragt. Aber es ist mehr ein Herzensprojekt für mich, mein kleines online Tagebuch, für alle die meiner Reise folgen wollen. Und eine wundervolle Erinnerung an die Zeit hier. Aber jetzt mal wieder zurück zu unserem Leben hier. Dazu wird es im ersten Beitrag wieder etwas länger und ich muss etwas zurückspulen…


Juni 2022:

Unser Container kam endlich an, nachdem wir über drei Monate im Hotel gelebt haben. Und es war einiges los bei uns. Ein 300qm Haus einzurichten ist aus meiner Sicht nicht nur Freude. Vor allem wenn man vorher auf gemütlichen 120qm gelebt hat und die Hälfte seines Hab und Guts verkauft hat. Nachdem ich es gern gemütlich und schön eingerichtet haben wollte, mussten noch einige Anschaffungen gemacht werden. Nico steinigt mich bald für die ständigen Abbuchungen und Bestellungen, aber ein Ende ist in Sicht :)


Jedenfalls kamen erstmal all unsere Sachen fast heile an. Natürlich gab es mal hier oder da einen kleinen Kratzer, aber darüber kann ich hinweg sehen. Es war wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen, als der LKW mit unseren Sachen vor der Türe stand. Es ist verrückt, wie schnell man vergisst was man alles hat. Ellas Augen hatten gestrahlt, als in ihrem Spielezimmer eine Kiste nach der anderen mit Spielsachen geöffnet wurde, die sie vor ein paar Monaten zuletzt in Deutschland gesehen hatte. Der junge Highschool Typ, der die Kartons in ihrem Zimmer ausgepackt hat, war danach übrigens ihr bester Freund :)


Verrückt ist aber auch, dass man eigentlich immer noch viel zu viel hat. Obwohl wir uns schon von so vielen Sachen vorher getrennt hatten. Und es ist faszinierend, aber wir haben ohne Probleme drei Monate auf kleinstem

Raum mit nur sechs Koffern überlebt. Und es war nicht mal schlimm. Rückblickend sogar super befreiend und das bestätigen hier fast alle Expats. Wenn man nicht viel hat, muss man sich nicht um viel kümmern, man muss nicht viel aufräumen. Man wird erfinderisch und schafft es auch super Gerichte mit zwei kleinen Töpfen zu kochen und mit nur vier Tellern zu leben. Irgendwie fand ich die Zeit rückblickend sehr erleichternd und es war eine große Erkenntnis mal wieder für mich, dass weniger mehr ist. Als dann alles da war, war ich leicht überfordert. Aber auf der anderen Seite war es natürlich wieder schön seine bekannten Sachen zurück zu haben.

Inzwischen sind wir nun gut angekommen im „Ami-Land“. Ich lebe gerne hier. Ella gefällt es auch, sowohl in ihrer Kita, als auch die vielen Angebote für Kinder, die es fast an jeder Ecke gibt. Aber dazu erfahrt ihr bald mehr in einem extra Beitrag zu Ellas KITA-Start. Jedenfalls fühlen wir uns sehr wohl. Ich war in den ersten Wochen sehr viel mit Einrichten, Sachen sortieren und eine neue Routine im Alltag finden beschäftigt. Der ein oder andere Behördengang stand an, z.B. um den Michigan Führerschein oder die eigene Social Security Number zu beantragen. Ich mache zweimal die Woche Sport in unserem "Fitness-Palast", wie ich es gern nenne. Nico gefällt es sehr gut in der Arbeit. Ich versuche unter der Woche alles im Haushalt zu erledigen, damit wir an den Wochenenden immer viel unternehmen können. Ebenfalls versuchen wir lange Wochenenden jedes mal für einen Kurztrip zu nutzen. Der Vorteil in den USA ist nämlich: fällt der Feiertag auf ein Wochenende, so wird er entweder am Freitag vorgezogen oder am Montag nachgeholt. Mega Regelung.


Ja, und dann hieß es nach nicht mal vier Wochen im Haus: zurück nach good-old-Germany. Und auch wenn die vier Wochen Deutschland im Sommer grandios waren und ich kurzzeitig nicht wieder zurück in die USA wollte: ehrlicherweise musste ich mir eingestehen, dass dies ja auch kein „Normalzustand“ und kein Alltag war. Wir haben bei meinen Eltern gewohnt, es gab immer jemanden, der sich um Ella gekümmert hat. Die Traumhochzeit meiner kleinen Schwester stand an, d.h. es gab jedes Wochenende vom JGA, bis über die Hochzeitsparty immer etwas zu feiern. Es waren einige Feste: Straßenfest, Annafest. Alles Feste die ich liebe. Es war also immer was los. Und ich hatte immer viele liebe Menschen um mich rum. Ich musste mich weder um die Wäsche, ums Einkaufen, Kochen und Putzen kümmern. Wir saßen abends oft mit meinen Eltern bis 10/11 Uhr im Hof, während Ella gelernt hatte mit gefühlt 100km/h Bobbycar zu fahren. Man hat mal über die Mauer mit den Nachbarn ein Glas Sekt getrunken oder einen Pizzaabend gemacht. Ich habe mit Freundinnen einen tollen Wellnessurlaub verbracht. Jeden Abend gemeinsame Familienabendessen oder ein Treffen mit Freunden im Biergarten. Bummeln mit der Mama in der Bamberger Innenstadt. Oder Radtouren mit dem neuen E-Bike meiner Mam. Hach die Zeit war schon schön. Auch wenn ich es vorn und hinten nicht geschafft habe, alle Freunde in der Zeit unterzubringen, die ich sehen wollte. Aber ich freue mich ab Mitte Dezember bis Mitte Januar wieder mein kleines Bamberg zu genießen. Die Weihnachtsmärkte, ein Abend in der Therme. Verrückt ist, dass man diese kleinen Sachen erst jetzt wieder grenzenlos schätzt und um’s fünffache mehr genießt. Das gefällt mir daran. Ich laufe zum Teil wie ein Tourist durch die Straßen und schieße Fotos von der alten Bamberger Innenstadt, obwohl ich über fünf Jahre lang keine 15 Minuten Fußweg davon weg gewohnt habe.

Auf dem Rückflug war ich traurig, sehr traurig. Es war unser dritter Hochzeitstag und meine Stimmung war, als müsste ich alle fünf Sekunden das weinen anfangen und sofort wieder aus dem Flugzeug aussteigen. Dann kamen wir wieder in Detroit an. Am Flughafen durften wir die endlos lange Schlange an der Einreise passieren, weil wir ein Kind dabei haben. Familien werden hier immer bevorzugt. Die Koffer lagen direkt am Kofferband. Wir wurden bestimmt von fünf Leute angesprochen, wie unsere kleine Maus denn heißt und wie süß sie doch ist. Das ist uns am Flughafen in München kein einziges mal passiert. Und ich liebe diese Mentalität hier in den USA. Man spricht offenherzig Komplimente aus, geht auf Leute zu, sucht das gemeinsame Gespräch. Auch wenn es manchmal etwas oberflächig ist, aber besser als mit einem miesen Blick nebeneinander am Gepäckband zu warten, ähnlich wie ich es bei meiner Ankunft in Deutschland empfand. Und ich dachte mir wieder: das hier ist mein Land. Alle sind in den USA so freundlich und herzlich. Das Thema Nächstenliebe wird aus meiner Sicht hier groß geschrieben.


Ein Beispiel: Kürzlich haben Ella und ich an einem Aufzug gewartet. Als der Aufzug hielt, war ein Mann mit Hund dort drin, wir befanden uns im dritten Stock. Ella hatte Angst. Sie klammerte sich an mein Bein und wollte nicht einsteigen. Ich hatte alle Hände voll, also konnte ich sie nicht auf dem Arm nehmen. Der Amerikaner merkte es, ging sofort aus dem Aufzug raus, meinte ich solle doch mit Ella nach unten fahren, er nimmt die Treppen. Ich war sprachlos, weil ich mit der lieben Reaktion nicht gerechnet hatte. Und so etwas passiert hier ständig. Man kommt super leicht mit anderen Menschen ins Gespräch. Und ich genieße diese Freundlichkeit hier.

Auch liebe ich hier, dass alles so unkompliziert ist. Zum Beispiel wenn man einen Vertrag abschließt. Ich habe keine Bindefrist für die nächsten 100 Jahre, sondern ich kann nächste Woche direkt wieder kündigen. Umtauschen ist hier kein Problem. 90 Tage und einfach mit der App. Die scannt man beim Einkauf, also hat man seinen Kassenzettel in der App. Man muss also keine 200 kleinen Kassenzettel zuhause aufbewahren und jedes mal wieder rauskamen. Einkaufen ist mit „Curbside Pick-up“ so einfach. Einfach die App „instacart“ öffnen. Laden auswählen. Warenkob füllen. Einmalig die Kreditkarte hinterlegen. Uhrzeit angeben, wann man vorbei kommt für die Abholung. Ach und das beste, selbst wenn ich angeben, dass ich Donnerstag zwischen 11-12 Uhr meine Einkäufe abhole, habe ich zwei Tage Zeit, bevor mein Einkauf wieder zurück ins Regal geräumt wird. Also kein Druck. Und letzten Endes einfach beim Laden vorbei fahren. Auf die gekennzeichneten Parkplätze stellen. Die Parkplatznummer in der App angeben auf der man steht. Und keine Minute später kommt ein Mitarbeiter des Ladens mit deinem Einkaufswagen. Du öffnest nur noch den Kofferraum. Er lädt alles ein und geht wieder. Ciao, das wars. Ich mache das super oft, weil ich keine Lust habe wegen 3-4 Teilen durch die riesengroße Einkaufsläden zu schlendern. Oder selbst wenn es ein Wocheneinkauf beim „beschaulichen“ Aldi ist. Da spare ich mir enorm viel Zeit und fülle meinen Warenkorb innerhalb von wenigen Minuten gemütlich auf der Couch. Parallel kaufe ich nicht viel Schrott im Laden, den ich sehe und ich eigentlich nicht gebrauchen kann :) Also ein gewisser Schutzfaktor.


Jedenfalls ist hier alles BIG. Neben den Einkaufsläden auch die Grundstücke, die Häuser, die Autos. Irgendwie gewöhnt man sich schnell an die Größe. Ich mag mein großes Auto. An unser großes Haus muss ich mich noch gewöhnen. Der Vorteil ist, durch die Geräumigkeit ist es sehr ordentlich, man hat überall einen Wandschrank. Alle ist luftig und muss nicht in die Schränke gequetscht werden. Aber die Fußwege sind weit und für uns zu dritt muss ich ehrlich eingestehen, dass es viel zu groß ist. Eine Wahl hat man hier aber nicht. Man bewegt sich gefühlt zwischen 250qm und aufwärts. Aber das ist für mich ein interessante Erkenntnis, wenn wir wieder zurück nach Deutschland kommen. Ich dachte immer ich brauche ein riesengroßes Haus. Aber nach der Erfahrung werden wir hier nochmal umdenken. Weniger ist mehr, kleiner heißt weniger bewirtschaften. Mehr Zeit für Freizeit, Familie, Urlaub. Mal sehen, ob ich mich nach der Zeit wieder reduzieren kann oder an die Größe gewöhnt habe :)


Zu Fuß kann man leider nicht all zu viel erkunden. Außer durch die netten Siedlungen zu den Spielplätzen laufen oder zu zwei Einkaufsläden, die bei uns in Reichweite sind. Aber wenn man mal spazieren will, kann man in einen netten Park oder in ein schönes Downtown fahren und dort ein bisschen herumbummeln - ganz a lá Germany.


Ach und überall gibt es gratis Toiletten, das ist sehr hilfreich. Vor allem wenn ich dran denke, dass Ella bald mal keine Windel mehr braucht. Auch das Thema „interkulturell“ lebt man hier viel intensiver als in Deutschland. Damit kann man das Leben mal aus einer ganz neuen Perspektive betrachten und raus aus einer „Bubble“. Unsere Nachbarn sind Inder, Chinesen, Amerikaner, Libanese etc. Jeder hat seine Bräuche / Traditionen / Gewohnheiten. Aber ich finde es schön das zu sehen, das mitzuerleben, mal wieder einen anderen Blick auf die Welt zu bekommen. Abseits von den Scheuklappen, die man sonst nach langer Zeit automatisch trägt.


Und was ich hier noch toll finde: in den USA gibt es immer was zu feiern. Neben Ostern, Weihnachten gibt es hier noch Halloween was sehr groß gefeiert wird. Muttertag, Vatertag, Veteran Day, Labor Day, Back to School und vieles mehr. Einfach alles. Die ganzen Läden sind zu diesem Thema dekoriert, es gibt immer einen Anlass für eine Parade zu bestimmten Feiertagen oder besondere Geschenk zu kaufen. Ich mag das. Und besonders mag ich gerade aber den Michigan Sommer. Durch die vielen Seen, die oft einfach einem Meer gleichen kann man super mal abschalten. Eine Tour mit dem Boot machen oder einfach mal am Strand liegen und nichts tun. Ständig gibt es Events und Feste. Überall ist etwas geboten.


Aber es gbit auch Schattenseiten: Was nicht so schön ist, sind die super vielen Stechmücken in den Abendstunden hier. Ich hab es schon geschafft an einem Abend pro Bein 30 Stiche zu bekommen. Ich sags euch - kein Spaß.


Und das Thema Umwelt. Mülltrennung gibt es hier so gut wie keine. Biomüll kennt man hier gar nicht. Alles wird in der Schredder geworfen. Ein scharfes Messer, welches sich unter dem Spülbecken befindet. Sprich man schmeißt Essensreste direkt in den Abfluss, schreddert sie dann klein, bevor man Wasser nachspült und alles die Kanalisation fließt. Die Gärten hier sind wunderschön, selbst öffentliche Straßen und Wege, alles blüht, ist perfekt gemäht und geschnitten, jeder einzelnen Busch, jede Blume. Aber alles wird hier auch täglich bewässert, gerade jetzt wo in Deutschland jeder spart und eine Verordnung nach der nächsten erlassen wird. Plastik ist hier Standart, sowohl bei Strohalmen, als auch beim Einkaufen. Die Damen dort verpackt dir gefühlt jedes Teil einzeln in eine neue Plastiktüte.


Jeder, wirklich jeder fährt SUVs, dessen Größe es bei uns gar nicht zu kaufen gibt. Die Klimaanlagen laufen überall auf Dauerschleife, sodass man beim Einkaufen zum Teil einen Schneeanzug braucht, um nicht zu erfrieren. Das ist ein Thema, was mir immer wieder mal aufstößt.


Ach und auch das Thema Schuhe tragen im Kindergarten, selbst beim Schlafen. Eine Sicherheitsvorkehrung, falls es mal brennt, dann haben alle schon Schuhe an. Wobei Kinder gerade für die Entwicklung des Fußes am besten viel barfüßig laufen sollten.


Die Qualität der Häuser ist hier leider auch sehr bescheiden. Wir sagen immer aus Spaß, dass die Wände wie aus Pappe sind. Die Armaturen in der Küche oder Badezimmer sind auch nur ganz billig hergestellt. Das ist jedenfalls kein Standard, den man in Deutschland kennt. Und leider ist es auch nicht so modern, wie wir es aus Deutschland kennen. Aber das ist hier überall so :) Deshalb versuche ich es zumindest mit der Einrichtung möglichst schön zu gestalten, siehe Bild.


Ach und gutes Brot vermisse ich. Aber da backe ich einfach ab und an mal wieder selbst. Problem ist nur: Lebensmittel sind verdammt teuer! Ein Dove Deo: $8. Eine Packung mit sechs Babybell: $4,50. Eine Packung Himbeeren: $5. Ein Duschgel: $7. Eine Packung Milch: $4. Wie alles im Leben gibts es Vor- und Nachteile. Wichtig ist, dass man sich hier wohlfühlt und das tun wir.


Macht euch selbst euer Bild und besucht die USA. Ich liebe das Land, die Leute, die Mentalität, die Großstädte, aber auch die wunderschöne Natur hier. In dem Land hat von von Wüste, Strand, Seenlandschaften, gigantischer Natur, Wasser, Hitze und Kälte alles. Für mich ist und bleibt es das Land der grenzenlosen Möglichkeiten. Und ich fühle mich hier frei wie ein Vogel.


XoXo. Isa.


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