6. Chaos. Angst. Schlaflose Nächte.

Schlaf. Er fehlt mir. Ich kann nicht mehr schlafen. Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren und ich komme einfach nicht zur Ruhe. Ständig fällt mir etwas Neues ein. Nachts wache ich auf, als würde neben mir eine Sirene angehen. Mein Herz pocht, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. Wieder ein Albtraum und ich liege wach im Bett. An Einschlafen ist die nächsten Stunden wieder nicht zu denken. Ich komme wieder ins Grübeln. Schnappe mir mein Handy. Google das Internet leer, nach Häusern in Michigan, nach guten Kindergärten für Ella. Ich suche in Foren nach Rat, ob mein Thermomix in den USA läuft. Prüfe, ob ich dort NUK Schnuller kaufen kann, welche Windeln die besten sind und ob man ein Auto leasen kann mit meinem Visum, wie teuer die Flüge im Mai, August und Dezember sind, damit ich die Familie oft genug besuchen kann. Alles rattert. Ich komme nicht zur Ruhe.


Jede Atemübung oder jede Gedankenmediation hilft nicht, keine zehn Sekunden später hat mein „Präfrontaler Cortex“ wieder die Macht übernommen. Das ist der Bereich im Gehirn, der für das Danken verantwortlich ist. Er sitzt übrigens direkt hinter der Stirn. Ich nenne es immer liebevoll mein Arbeitszimmer und befehle dort meinem kleinen „Denker-Männchen“ sich endlich in den wohlverdienten Feierabend um 2:41 Uhr zu verabschieden. Auch das klappt nicht. Und schon geht es weiter mit dem „Bullshit FM“. Mein persönlicher Radiosender, der mir auf Dauerschleife sagt, was alles schief geht.


Unser Visum, dass abgelehnt wird, unser Flug der wegen Corona bestimmt verschoben wird, der Umzug bei dessen Verfrachtung des Schiff untergeht und unsere Familienfotoalben in den Weiten des Ozeans untergehen werden. HIIIILFE! Es nimmt kein Ende. Okay, nochmal Atmen. Wie war das mit dieser Entspannung nach Jacobsen. Anspannen und Loslassen. Mist, wieder nicht geklappt. Irgendwann nach drei Stunden Bullshit FM in meinem Kopf packt mich Nico, merkt das ich nur am hin und her wälzen bin. Nimmt mich fest in den Arm, bis ich nach langem kämpfen vor Müdigkeit in den Schlaf falle.


Keine 1,5h ist Ella topfit und möchte frühstücken gehen. Puuuuh, was für eine Nacht. So ungefähr ging es mir um den Jahreswechsel 2021/2022. Auch wenn die Vorfreude inzwischen von Tag zu Tag größer wird, aber die Nächte sind nicht besonders. Mehr als 4h am Stück habe ich nicht mehr zusammen bekommen. Langsam fügt sich aber alles Stück für Stück. Nur leider nicht in dem Tempo, wie ich es gerne hätte. Die Auswanderungsabteilung meines Mannes ist im Urlaub, aber ich habe doch so viele Fragen. Naja, also versuche ich zuhause alles zu regeln, was ich regeln kann. Die Wohnung ist fast einmal komplett bei eBay Kleinanzeigen eingestellt. Ich habe mich entschieden alle großen Möbelstücke dort zu einzustellen, mit dem Hinweis, dass alle Möbel erst kurz vor unserer Ausreise abgeholt werden können. Den Kleinkram werde ich bei einem Loft-Flohmarkt verkaufen.


Hier habe ich bei meinen nächtlichen Gedankenzeremonien bereits alles geplant. Sogar die Einladung für den Loft Flohmarkt die ich per Whatsapp an alle weiblichen Kontakte in meinem Handy senden werde, ist bereits Ende 2021 vorgeschrieben. Bei Amazon habe ich kleine Aufkleber geordert, damit ich überall fein säuberlich meine Preisvorstellung aufkleben kann. Morgen wird Nico mein Auto waschen und Bilder machen, damit wir endlich das Auto online stellen können. Und ich werde anfangen jeden Schrank auszumisten, damit wir nur noch das Nötigste behalten, was auch mit in die USA muss. Das ist eines meiner Ziele. Ich möchte nicht mehr so viel besitzen. Ich finde allgemein das wir nicht sooo sehr viel besitzen. Ich bin gut im ausmisten und wegschmeißen. Aber ich möchte wenig Ballast um mich herum. Ich mag es gerne clean oder wie man heutzutage sagt: Minimalistisch. Und ich habe mir selbstverständlich schon einen Plan gemacht wie ich aussortieren werde.


Und zwar mit drei großen Boxen die in drei Kategorien eingeteilt sind: Verkaufen, Verschenken, Einlagern. Dazu bewaffne ich mich mit meinem Dymo Gerät zum Beschriften und Gummibänder um zusammengehörige Sachen zusammen zu binden. All das wurde nachts geplant zwischen 1:30 Uhr und 5:30 Uhr. Naja immerhin etwas produktives in der Nacht. Tagsüber fehlt mir die Zeit zum Denken und Googlen. Da vereinnahmt mich Ella zu sehr. Nico ist aktuell auch im Urlaub, also versuchen wir die Zeit hier noch so gut es geht zu genießen. Dennoch war ich gestern kurz davor mir eine „Depression“ zu diagnostizieren.


Okay, es war auch der erste Tag meiner Periode, da spielen meine Hormone sowieso immer verrückt mit mir. Dann wurde mir aber klar: Jetzt ist das neue Jahr da, es sind keine acht Wochen mehr, bis wir in den USA sind. Da darf man ruhig mal kurz durchdrehen. In der Silvesternacht auf Neujahr habe ich die Botschaft auf Instagram verkündet, seitdem quillt mein WhatsApp über. Mit Neujahrswünschen und Glückwünschen und Fragen zur Auswanderung. Die besinnliche Weihnachtszeit ist vorbei, das letzte Mal in unserem geliebten Loft. Inzwischen schaue ich mich hier etwas genauer um, so oft es geht versuche ich den wunderschönen Ausblick auf den Michelsberg und den Dom nochmals aufzusagen. Ich schaue mir unser Treppengeländer ganz genau an, wie schön es in der Weihnachtszeit funkelt mit den Lichtern. Ich schaue mir die wunderschöne Küche an und habe große Zweifel, ob wir in den USA auch so eine schicke Küche haben werden. Dort sind eher wuchtige und dunkelbraunen Küchen im Trend. Nicht wie bei uns die filigranen, zarten weißen Küchen mit Hochglanzfronten. Okay, auf Hochglanz kann ich inzwischen verzichten, zu viele Fingerabdrücke. Aber nicht auf das moderne Design.


Naja wir werden sehen. Alles wird gut werden, wie immer. Ich mache mir immer viel zu viel Kopf. Am Ende um nichts. Und ich will es wie immer perfekt machen. Wofür eigentlich? Meine Ebay Kleinanzeigen Anzeigen klingen wie die eines professionellen Möbelhauses in etwa so: „…begeistert durch sein modernes Design. Besonders reizvoll ist die zweifarbige Farbgestaltung des Kleiderschranks. Ein weiteres Designhighlight sind die eleganten Griffelemente…“. Und so weiter und so fort. Ich mache mir einen riesen Aufriss, mein Perfektionsszwang ist da einfach zu groß. Auch wenn mir am Ende keiner eine Medallie für die tollste Ebay-Kleinanzeige verleihen wird.


Naja jedenfalls sollen unter anderem meine Vorsätze dahingehend entgegensteuern um mehr Leichtigkeit und Gelassenheit in mein Leben zu bringen. Dazu aber mehr im nächsten Beitrag. Let the choas begin.


XoXo. Isa.









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