14. Das tränenreiche Ankommen.

Die erste Woche ging rum wie im Flug. Und sie war soooo schön. Angekommen bei strahlendem Sonnenschein und 20 Grad. Jacken waren überflüssig. Ella hatte den Flug super gut gemeistert, das Jetlag hielt sich zum Glück in Grenzen. Wir mussten nur eine Nacht mit ihr um 3 Uhr aufstehen und ein wenig spielen, ab Tag zwei waren wir im Flow. Zwar hatte sie nicht mehr ihr dreistündiges Mittagsschläfchen gehalten wie in Deutschland. Daraus wurden hier drei „Naps“ (Schläfchen), wie man hier so schön sagt. Aber inzwischen hat sich auch das eingespielt.


Das schönste an der ersten Woche war: Nico hatte noch die ganze Woche frei, um mit uns hier Anzukommen. Also haben wir alle Restaurants abgeklappert auf die wir schon seit Jahren wieder hingefiebert hatten. Auf der Liste ganz oben standen Steaks, Wings und Burger. Mmmmmh. Davon hab ich Stand jetzt noch nicht genug bekommen. Weiterhin konnten wir alte Freunde und Arbeitskollegen von Nico treffen. Wir waren zusammen bummeln, haben uns mit den Basics in unserem vorübergehendes Apartment für die ersten Wochen ausgestattet. Wir waren die ersten drei Tage immer wieder zu Terminen für die Haussuche mit unserer Maklerin verabredet und haben die Zeit hier total genossen. Alles hat sich wie Urlaub angefühlt. Meeeeega, dachte ich mir. Genauso habe ich es mir vorgestellt. Und wenn hier direkt der Frühling schon da ist, was kann uns besseres passieren.


Aber in mir schlummerte die Angst. Die Angst vor Nicos ersten Arbeitstag. Vor dieser „Zwischenphase“ hatte ich am meisten Respekt. Papa geht arbeiten und wir wohnen noch nicht in den eigenen vier Wänden. 12h ohne den Papa im Hotel. Keine wirkliche Ansprache außer mit Ella mehrmals täglich „Gaga, Guga, Lala“ zu besprechen. Und langsam wurde mir bewusst, dass es sich hier um keinen Urlaub, sondern um die nächsten drei Jahre Leben handelt. Keine Familie, Freunde oder ähnliches in der Nähe. Keinen den man mal spontan besuchen kann. Klar wird man ständig angequatscht mit „How cute is she. How old is she? Whats her name?“ Gefühlt 20 mal am Tag, aber irgendwann hat man auf das oberflächliche Geqautsche auch keinen Bock mehr. Auch wenn ich super gut im Small Talk bin und das gerne mal mache. Aber lieber führe ich tiefgründige Gespräche und teile alles aus den Tiefen meines Herzens.

Nun ja, da war er, der Montag. Ich wusste, dass er früh morgens los muss und als neuer Chef von einem Werk mit über 1000 Mitarbeitern nicht um 16:30 Uhr wieder zuhause auf der Matte stehen kann. Aber ich dachte mir, dass ich die Zeit schon rum bekommen werde. Nico verabschiedete sich von uns beiden. Ella war fröhlich munter seit 6.30 Uhr hellwach und da saßen wir nun. Wie auf Knopfdruck wechselte das Wetter an dem Montag von +20 Grad zu 4 Grad. Der Wetterbericht gab auch keine Aussicht auf Besserung: Die Woche erwarteten uns Regen, Gewitter und einige düsterer Wolkenschleier und bis zu Minus 8 Grad. Zudem habe ich in der Nacht von Sonntag auch noch meine Tage bekommen. Jiiiipiii. Das heißt Miss Isabell ist nicht nur schlecht gelaunt, sondern sehr empfindlich, leicht reizbar mit einem durchgängig traurigem Gemüt. Da braucht bloß ein Blatt vom Baum falsch abfallen und bei mir geht die Tränendrüse. Irre, was diese Hormone einmal im Monat mit mir anstellen. Sonst bin ich immer fröhlich, positiv und gut gelaunt - einmal pro Monat für zwei Tage allerdings eher Typ unausstehlich.


So saß ich nun da mit Ella, im Hotelzimmer, keinen Plan was ich mit ihr anstellen sollte. Rausgehen - zu kalt. Mit jemanden verabreden - mit wem nur? In eine Mall gehen und bummeln - keinen Bock mit Kind, dass nach 15 Minuten nicht mehr im Kinderwagen sitzen will. Ein Auto hatte ich jetzt. Super! Und vor fünf Jahren bin ich hier ohne Probleme durch die Gegend gedüst. Einmal sogar 12h nach New York. Und das fast ohne Pause. Aber trotzdem war es für mich wieder Neuland. In der ersten Woche hatte ich mich noch schön gemütlich von Nico rum kutschieren lassen. Und jetzt, da lag Schnee, ich hatte ein neues (kleines) Auto, die Straßen sind in der Regel 3-5 spurig, überall ist zu jeder Tageszeit viel Verkehr, neben dir brettern die LKWs mit gemütlichen 120km/h vorbei, auf der Rücksitzbank quengelt immer mal wieder ein unzufriedenes Kind. So ganz Geheuer war mir das nicht. Aber abgehalten hat es mich auch nicht, nur war es schon eine Überwindung.


Um neue Kontakte zu finden schlugen wir uns als die Zeit mit sämtlichen Babykurse tot. Unter anderem mit dem amerikanisches Babyschwimmen. Und ratet mal wie es war? Ne riesen Katastrophe. In Deutschland waren wir mit Ella bestimmt zweimal pro Monat im Schwimmbad, weil sie eine absolute Wasserratte ist. Dort konnte sie im knöcheltiefen Wasser Gießkannen und Förmchen durch die Gegend schleppen. Von links nach rechts wie sie wollte. Ich schaute gemütlich zu, zwischendurch machten wir eine Essesnpause im Bistro und snackten Currywurst mit Pommes.


Beim amerikanischen Schwimmen läuft es aber etwas anders. Schwimmbäder wie in Deutschland gibt es nicht wirklich. Überall muss man gefühlt „Member“, also Mitglied sein. Na gut, dachte ich mir. Werden wir mal Member beim „Goldfish Swimmclub“, denn eine Schnupperstunde gibt es nicht. Für gerade mal schlappe $ 110 im Monat. Das genehmigt uns vier Mal pro Monat 30 Minuten dort ins Wasser zu hüpfen. Etwas anderes fiel mir nicht ein. Los gehts: man geht zur Türe rein. Alles ist quietschbunt. An der Theke sitzt eine Dame die uns schon mit Namen begrüßt. Durch eine große Glasscheibe sieht man das große und einzige Schwimmbecken. Davor sind ca. 40 Stühle aufgebaut. Dort sitzen Eltern, Kinder, Oma’s, Opa’s und schauen den Kinder beim Schwimmkurs zu.


Ich ziehe mich mit Ella um und setzte mich auch in die Schwimmhalle. Wir dürfen ins Wasser. Ich war voller Spannung und Vorfreude. Zwei Damen im Wasser gaben Anweisungen. Aufgabe eins: Ella auf den Rücken in Wasser legen und dabei soll sie mit den Beinen kicken. Puh, ob Ella das mach? Zum Kicken sind wir nicht gekommen, weil sie noch nicht mal Lust hatte sich auf den Rücken zu legen. Oh Gott, dachte ich mir. Aufgabe zwei: Wir sollen Schwimmnudeln nutzen und die Kinder darauf legen. Mist, auch darauf hatte Ella auch keinen Bock. Sie wollte lieber mit den Bällen spielen die am Beckenrand lagen. Und schon ging das Gequengel los - für ca. 25. Minuten. Ich schaute ständig auf die Uhr und hoffte das die 30 Minuten endlich rum sind. Für alle amerikanischen Kinder war das kein Thema. Alle sind super konditioniert, da sie schon von klein an die Übungen machen und genau wissen welche Übung als nächstes kommt. Als Ella ein Baby mit 8/9 Monaten war, war das alles kein Thema beim Babyschwimmen. Aber jetzt ist Ella eher der Typ „Freelancer“. Im Wasser will sie ihr Ding durchziehen, so wie sie es bisher auch gewohnt war, jetzt kann sie auch laufen und Dinge machen, die ihr Spaß machen. Ob wir hier nochmal hinkommen? I don’t know. Notfalls muss ich den Vertrag wieder kündigen und im worst case habe ich $ 110 und einiges an Nerven in den Sand gesetzt.


Nachdem der erste Babykurs floppte saßen wir also wieder im Hotel. Ich genervt und super gestresst. Und hach, da war es, das erste Heimweh. Alles passte zusammen. Ich habe überlegt, ob die Entscheidung wirklich richtig war. Alles hinter sich zu lassen, und neu anzufangen. War ich zu naiv? Einfach ja zu sagen, zu drei Jahren und über 6000km Entfernung zur Heimat? Ich fand es schrecklich hier. Den ganzen Tag alleine, das grausame Wetter, das Hotelzimmer, die ewig langen Tage. Ob es jemals besser wird?


Bleib dran und lese im nächsten Beitrag weiter.


XoXo. Isa.



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